Geträumte Einsamkeit
Manchmal denke ich,
das Innere der Dinge
ist größer als ihr Äußeres.
Ein Stein enthält ganze Nächte.
Ein Augenblick enthält Jahrhunderte
und die Entfernung zwischen zwei Gedanken
übertrifft die Entfernung zwischen Sternen.
Irgendwas träumt unter der Wirklichkeit.
Nicht in den Dingen.
In ihrem Schweigen.
Die Stunden hängen wie unsichtbare Früchte an einem Baum,
der aus Vergessen wächst.
Niemand pflückt sie.
Sie fallen lautlos in die Tiefe
und werden dort zu Erinnerungen an Ereignisse,
die so nie stattgefunden haben.
Ich bleibe als Spur eines Besuchers
in diesem Haus ohne Räume.
Türen öffnen sich in andere Türen.
Fenster schauen auf Fenster.
Hinter jeder Form wartet ihre Abwesenheit.
Hinter jeder Abwesenheit eine noch vollkommenere Form.
Die Zeit sinkt.
Schicht um Schicht durch transparente Abgründe.
Dort unten schlafen die Namen von Dingen.
Das Meer hat sie vergessen.
Der Himmel hat sie vergessen.
Nur das Dunkel erinnert sich an sie mit unendlicher Geduld.
Manchmal berührt mich eine fremde Nähe.
Dann werden Grenzen durchlässig.
Stille beginnt zu atmen.
Die Leere erhält Gewicht.
Entfernungen falten sich wie Spiegel aus Wasser.
Jeder Gedanke wird zum Traum eines anderen Gedankens.
Jeder Traum träumt weiter.
Bis kein Ursprung mehr bleibt.
Bis selbst das Ich sich auflöst
in eine langsame Strömung aus Wahrnehmung.
Eine Bewegung ohne Richtung.
Ein Fluss, der aus seinem eigenen Verschwinden besteht.
Es fließen ungeschriebene Biografien vorbei.
Leben, die niemand lebte.
Abschiede, denen keine Begegnung vorausging.
Fenster voller Landschaften, die nach innen wachsen.
Über allem kreist eine lautlose Sonne aus Dunkelheit.
Ihr Zentrum liegt außerhalb.
Sie betrachtet mich aus einer Entfernung,
die kleiner ist als ein Gedanke und größer als die Ewigkeit.
Dann verschwindet alles.
Die Welt.
Die Erinnerung an die Welt.
Die Erinnerung daran, sich erinnert zu haben.
So ist es wohl,
wenn das Nichts für einen Augenblick von seiner Einsamkeit träumt.
___
text u. bild m.w.
